wege erleben

Renate Dyck

Worte des Monats

    

 

Bekenntnis einer Freundschaft

 

Wie wenig Lärm machen die wirklichen Wunder! Wie einfach sind die wesentlichen Ereignisse!
Eine Zivilisation bildet sich zuerst im Kern. Sie ist im Menschen zuerst das blinde Vertrauen nach einer gewissen Wärme. Von Irrtum zu Irrtum findet der Mensch den Weg zum Feuer.
Darum, mein Freund, brauche ich so sehr Deine Freundschaft. Ich dürste nach einem Gefährten, der, jenseits der Streitfragen des Verstandes, in mir den Pilger dieses Feuers sieht. Ich habe das Bedürfnis, manchmal die künftige Wärme vorauszukosten und mich auszuruhen, ein bisschen außerhalb meiner selbst, in der Zusammenkunft, die wir haben werden. In Deiner Nähe habe ich mich nicht zu entschuldigen, nicht zu verteidigen, brauche ich nichts zu beweisen. Über meine ungeschickten Worte, über die Urteile hinweg, die mich irreführen können, siehst Du in mir einfach den Menschen.
Du ehrst in mir den Boten eines Glaubens, gewisser Gewohnheiten und besonderer Zuneigungen. Wenn ich auch anders bin als Du, so bin ich doch weit davon entfernt, Dich zu beeinträchtigen; ich steigere Dich viel mehr. Du befragst mich, wie man den Reisenden befragt. Ich, der ich wie jeder das Bedürfnis empfinde, erkannt zu werden, ich fühle mich in Dir rein und gehe zu Dir.
Ich weiß Dir Dank dafür, dass Du mich so hinnimmst, wie ich bin. Was habe ich mit einem Freund zu tun, der mich wertet? Wenn ich einen Hinkenden zu Tisch lade, bitte ich ihn, sich zu setzen, und verlange von ihm nicht, dass er tanze. Mein Freund, ich brauche Dich, wie eine Höhe, in der man anders atmet!


Antoine de Saint-Exupéry
Auszüge aus
Bekenntnis einer Freundschaft
(Brief an seinen Freund Léon Werth)
© Insel Verlag Berlin 2016
 

 

WEGE ERLEBEN • Renate Dyck • Weddingenstr. 14 • 33604 Bielefeld
Tel.: 05 21 / 522 99 08 • E-Mail: dyck[at]wege-erleben.de